Kinderreporterin Helena: Interview mit Norbert Lechner (DAS GEHEIME STOCKWERK)
Hallo, hier ist eure Kinderreporterin Helena aus Berlin.
Ich habe einen Kinofilm geschaut, der mich sehr bewegt hat: DAS GEHEIME STOCKWERK. Es ist ein ausgesprochen spannender und ganz wichtiger Film.
Weil ich den Film so bewegend finde, habe ich dem Regisseur des Films, Norbert Lechner, viele Fragen gestellt. Norbert Lechner hat sich richtig Zeit genommen, um alle meine Fragen zu beantworten. Das ist großartig.
Worum es in dem Film DAS GEHEIME STOCKWERK geht: Stellt euch vor, ihr zieht in ein altes Grandhotel, das eure Eltern neu eröffnen möchten und entdeckt, dass ihr mithilfe eines alten Lastenaufzugs durch die Zeit reisen könnt. So ergeht es im Film DAS GEHEIME STOCKWERK dem 12-jährigen Karli, der bei seiner Fahrt durch die Geschichte im Jahr 1938 landet. Dort trifft er auf das jüdische Mädchen Hannah und den Schuhputzerjungen Georg. Karli, Hannah und Georg bemerken, dass im Hotel seltsame Dinge vor sich gehen. Als sie beschließen, das Rätsel zu lösen, finden sie heraus, dass sich hinter der Hotelfassade ein riesiges Geheimnis verbirgt!
Ich finde, es ist ein ganz tolles und spannendes Interview geworden. Ganz herzlichen Dank an Norbert Lechner! Jetzt wünsche ich euch allen viel Spaß beim Lesen:
Helena: War es bei dem Film DAS GEHEIME STOCKWERK eine besondere Herausforderung, Regie zu führen?
Norbert Lechner: Das war es absolut. Mir war es ein großes Anliegen, dass wir diese Zeit authentisch und glaubhaft darstellen. Ich habe daher ein Jahr vor Drehbeginn begonnen, die Darstellerkinder in Proben auf den Dreh vorzubereiten. Annika, die Schauspielerin von Hannah, musste einen perfekten „Knicks“ lernen, Konstantin, der den Hitlerjungen „Heinrich“ spielt, musste dieses fast militärische Gehabe üben, denn in der Hitlerjugend wurden die Kinder wie kleine Soldaten gedrillt. Maxi, der den Georg spielt, hat vor Drehbeginn an einem professionellen Schuhputzkurs teilgenommen. Und wir haben natürlich viel über diese Zeit gesprochen.



Helena: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über dieses Thema für eine jüngere Zielgruppe zu drehen? Und wie ist die Idee entstanden, das Ganze in eine spannende Kriminalgeschichte einzubetten?
Norbert Lechner: Diese Idee habe ich meinen beiden tollen Drehbuchautorinnen zu verdanken, mit denen ich schon zwei Filme gemacht hatte, Antonia Rothe-Liermann und Katrin Milhahn. Antonia war in der Grundschule als Deutschland noch geteilt war, sie ist in der damaligen DDR, in Halle an der Saale aufgewachsen. Dort war es üblich, dass das Thema „Nationalsozialismus“ schon früh im Schulunterricht behandelt wurde. Antonias Lehrerin hat das mit der „Holzhammermethode“ versucht. Sie zeigte den Kindern in der 2. Klasse einen Dokumentarfilm über das schreckliche Konzentrationslager Auschwitz, mit Bildern von ermordeten Menschen. Antonia war so geschockt, dass sie monatelang Alpträume hatte. Als sie erwachsen war und Drehbuchautorin hatte sie schon seit langem darüber nachgedacht, wie man Kindern über diese Zeit erzählen könnte ohne sie zu traumatisieren. So entstand die Idee.
Eine berühmte Kinder-Geschichte aus dieser Zeit ist ja „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. Von diesem Kinderkrimi haben sich die Autorinnen inspirieren lassen.
Helena: Welche Szene im Film mögen Sie am meisten? Bzw.: Was gefällt Ihnen persönlich am meisten an Ihrem Film?
Norbert Lechner: Das kann ich gar nicht so leicht sagen. Ich mag, dass der Film die Zuschauer wirklich emotional berührt, das habe ich von Zuschauern in vielen Vorführungen erfahren. Und ich finde es richtig toll, wie die Kinderdarsteller (und natürlich auch die erwachsenen Darsteller) das spielen.

Helena: Und welche Szene war am schwierigsten umzusetzen?
Norbert Lechner: Eine schwierige Szene war die Szene in der Hotelbar, in der die Gäste das sogenannte „Host-Wessel-Lied“ singen und den Hitlergruß zeigen. Mein Filmkomponist Martin Unterberger war mit am Drehort und hat Tage vor Drehbeginn mit den Komparsen und den Schauspielern das Lied geprobt. Das klang erst zunächst wie ein Heimatlieder-Gesangsverein. Die Schauspieler und Komparsen hatten richtige Hemmungen, das Lied mit so einem gewaltvollen Pathos zu singen, wie es damals eben gesungen wurde. Als wir dann gedreht haben war es richtig gespenstisch, diesem Geschehen zuzusehen, das sich in der Szene abspielt zuzusehen, wenn immer mehr Gäste mitsingen und dazu den Arm zum Hitlergruß heben.

Helena: War es bei dem Thema des Films besonders herausfordernd, mit Kindern zu drehen? Wie sind die Kinder darauf vorbereitet worden, insbesondere Annika Benzin, die das jüdische Mädchen Hannah spielt?
Norbert Lechner: Das war es schon, aber zum Glück hatten wir ja die Proben vorher. Während der Probenzeit besuchte uns eine Zeitzeugin, eine alte Dame, die über 90 ist und als Jüdin in Berlin in den 30er Jahren aufgewachsen ist. Sie berichtete uns, wie es für sie als Juden schlimmer und schlimmer wurde, die Ausgrenzung, die Demütigungen, die Angst. Sie hatte das Glück, dass sie 1939 sozusagen im letzten Moment mit ihrer Mutter aus Deutschland fliehen konnte, sonst hätte sie sicher nicht überlebt. Diese Begegnung war eine ganz wichtige Erfahrung für Annika und auch für die anderen Darstellerkinder.

Helena: Was würden Sie tun, wenn Sie an der Stelle von Karli wären?
Norbert Lechner: Gute Frage. Ich glaube es ginge mir sehr ähnlich wie Karli.
Helena: Als sie Kind, also um die 10 – 12 Jahre waren, wie wurde da in Ihrem Umfeld mit dem Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung umgegangen? Wurde es in der Schule durchgenommen? Wurde in der Familie darüber gesprochen?
Norbert Lechner: Meine Eltern hatten die NS-Zeit selbst miterlebt, mein Vater war Kriegsteilnehmer. Meine Mutter hat viel über die Zeit erzählt, insbesondere wie es war in der Diktatur zu leben mit dem ständigen Misstrauen und der Angst, wegen einer kritischen Äußerung verpfiffen zu werden. Meine Eltern waren sehr katholisch geprägt und hatten so eine große Distanz zu der Ideologie der Nationalsozialisten. Aber über das Thema Judenverfolgung haben sie kaum gesprochen. Auch hat mein Vater neben ein paar Anekdoten nie über seine Kriegsteilnahme als Soldat gesprochen. Ich habe sehr spät erfahren, dass er Schreiber beim Kriegsgericht war. Vermutlich hat er da mitbekommen, wenn Partisanen oder auch jüdische Menschen von den Deutschen umgebracht wurden.
Helena: Wird es eine Fortsetzung bzw. einen zweiten Teil von DAS GEHEIME STOCKWERK geben, also dass Karli mit dem Fahrstuhl als Zeitmaschine vielleicht auch noch in eine andere Zeit (oder andere Zeiten) reist?
Norbert Lechner: Es gibt keinen zweiten Teil, aber es wird vielleicht einen anderen Zeitreisefilm geben, der uns in die Zukunft führt.
Helena: Ich weiß, dass Ihnen DAS GEHEIME STOCKERWERK sehr am Herzen liegt und Sie schon bei vielen Vorführungen waren, um dort mit Kindern und Lehrkräften über den Film zu sprechen. Gibt es etwas, das Sie hier an der Stelle uns Kindern (und den Erwachsenen) mit auf den Weg geben möchten?
Norbert Lechner: Es ist ein großer Schatz, dass wir einer demokratischen und freien Gesellschaft leben dürfen. Vielen Menschen auf der Erde ist das nicht vergönnt. Leider glauben in unserem Land viele Leute, dass ihnen die Demokratie zu kompliziert ist und wünschen sich so eine Art „guten Diktator“. Aber den gibt es leider nicht. Deswegen: Tut alles dafür, dass unsere Demokratie erhalten bleibt. Es gibt nichts Besseres.
HERZLICHEN DANK an Norbert Lechner und das gesamte Team von DAS GEHEIME STOCKWERK!
Weitere Informationen zum Film DAS GEHEIME STOCKWERK, Unterrichtsmaterial sowie digitale Lernbausteine findet ihr hier bei MACH MIT:
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